Der Spiegel

19. August 2004

Ens erwachte am Morgen. Morgen war immer, wenn die Mutter läutete. Er erhob sich, schüttelte die Bettdecke zurecht, und ging zu dem Tisch in dem Interaktionsraum, auf dem die Mutter stand.

Die Mutter war ein Objekt mit schwarzer, geschwungener Oberfläche, an dessen Oberseite sich zwei Gabeln befanden. Auf ihnen hing ein Bügel.

Die Mutter läutete. Ens ergriff den Bügel und führte ihn an sein Ohr. Er hörte die Standardfragen nach Gesundheit, Raumtemperatur und generellem Befinden. Er erwiderte jede Frage mit der Standardantwort.

Darauf kamen die Standardanweisungen zur Nahrungsaufnahme, Bekleidung, und zur Kontaktaufnahme mit dem Lehrer. Ens bestätigte.

Dann eine außerordentliche Frage: Ob er Bilder gesehen habe. Ens verneinte.

Damit war das morgendliche Gespräch beendet.

Wieder die Frage nach den Bildern. Kaum noch wurde sie gestellt. Kurz nach dem Auftauchen des Spiegels war sie jeden Morgen Teil des Gesprächs gewesen. Doch sie war seitdem immer seltener geworden. Die Mutter schien den Bildern nicht mehr die ehemalige Bedeutung beizumessen, seit sich gezeigt hatte, dass Ens keine mehr sah, - seit der Spiegel aus der Welt verschwunden war.

Alles in der Welt war vergänglich. Alles was einen Anfang nahm, gelangte früher oder später auch zu einem Ende. Nur die Gesamtheit allen Kommens und Gehens selbst nahm sich davon aus. Die Welt war ewig und seit Entis Augen sich das kalte Licht der Neonröhren nutzbar gemacht hatten bestand sie in den drei ewigen Räumen, die je an einer Seite des zentralen Korridors lagen. Diese waren der Schlafraum, den Ens nur am Abend betrat und erst am Morgen wieder verließ, der Interaktionsraum, in dem er sich den größten Teil des Tages aufhielt und in dem auch der Lehrer und die Mutter standen und der Versorgungsraum, in dem sich morgens die Gegenstände befanden, die Ens für seine Tätigkeiten benötigte. Abends brachte er sie wieder dorthin zurück. Am nächsten Tag waren sie fort.

Über diese drei Räume hinaus gab es nichts. In ihnen lebte Ens seit er das besaß, was der Lehrer "Bewusstsein" nannte.

Sie waren die ewige Ordnung, der alles unterlag.

Ein einziges Mal hatte Ens versucht sich dieser Ordnung zu widersetzen.

Zu Beginn der Zeit, an die Ens sich erinnern konnte, hatte es sich begeben, dass ein Gegenstand auch ein zweites Mal im Versorgungsraum auftauchte. Ens hatte sich geweigert, einen Teddybär, der ihm ein vertrauter, weil oft gesehener, Gegenstand geworden war, in den Versorgungsraum zurückzugeben. Die Mutter hatte ihm wiederholt geboten ihn dort zu deponieren. Doch der Schlafraum ließ sich nicht eher öffnen, als sämtliche Gegenstände abgegeben waren. Über das Tagesende hinaus war es ohnehin nicht möglich, sich in der Welt zu bewegen, da wenige Minuten nach dem letzten Läuten der Mutter die Lichter an der Decke entschwanden. Ens hatte damals den Teddybär schließlich doch zurückgebracht, war im Dunkeln in den Schlafraum gestolpert, hatte sich die Glieder blutig geschlagen und doch den Tag beendet wie immer.

Seitdem hatte Ens nie wieder einen Gegenstand ein zweites Mal im Versorgungsraum gefunden.

Seitdem war Ens den Anweisungen der Mutter stets nachgekommen.

Nie wieder hatte er sich der ewigen Ordnung der drei Räume widersetzt.

Dieser Ordnung folgend tat Ens das, was er jeden Morgen tat. Er bekleidete sich, holte die Nahrungsmittel und die neuen Gegenstände aus dem Versorgungsraum. Er speiste und brachte dann die unbekannten Objekte in den Interaktionsraum vor den Lehrer.

Der Lehrer war ein flacher Kasten mit einem Standfuß. Auf seiner Oberfläche konnte er Bilder erzeugen, die Ens mit den Gegenständen aus dem Versorgungsraum in Verbindung setzte. Die Stimme des Lehrers drang aus zwei Schlitzen in seinem Standfuß und erklärte ihm, wie die Gegenstände zu gebrauchen seien.

Ens hatte aus dem Versorgungsraum ein Pentaichthyotom, einen kleistogamen Phytolith und ein kubisches Xylosom. Diese galt es zu klassifizieren, zu analysieren, schließlich zu beatifizieren, alsdann ihren Namen im Register der Objekte zuzuordnen.

Das Register bekannter Objekte listete sämtliche Gegenstände und Begebenheiten auf, mit denen Ens je in Kontakt gekommen war, und verknüpfte sie zu einem Informationsgewebe, welches die ganze Welt in sich barg. An oberster Stelle standen dort die Einträge "Mutter" und "Lehrer". Es war die zentrale Quelle, aus der - so sprach der Lehrer - die ganze Welt überhaupt erst entspringe. Auch wenn Ens die Gegenstände bereits vor ihrer Zuordnung sehen könne, so entstünden sie doch erst in ihrem Wesen, sobald sie in das Register Eingang gefunden und einen Namen erhalten hätten. Denn ohne Namen sei alles nichts, habe nichts einen Platz in der Weltordnung. Und diese Ordnung existiere nur dank des Registers.

Ens liebte es, wenn er den Lehrer so sprechen hörte. Es gab ihm Kraft genug, an die Welt und das Register zu glauben.

Bis zu dem Tag, an dem er den Spiegel fand. Er lag einfach da, wie in die Welt geworfen vor der einzigen freien Wand des zentralen Korridors. Das an sich war bereits ungewöhnlich, denn sonst befanden sich neue Gegenstände stets in den Schächten des Versorgungsraumes. Im Korridor gab es nichts, auch keine dauerhaften Gegenstände wie die Mutter. Dieser Fremdkörper hatte offensichtlich keinen Platz in der registrierten Ordnung. Ens beschloss, ihn nicht zu beachten. Er würde schon verschwinden, ja eigentlich sei er gar nicht da.

Eben dies waren auch die Worte des Lehrers, als Ens ihn dann doch auf den befremdlichen Umstand aufmerksam machte. Es gebe nichts, was nicht im Register stünde und es sei lediglich Entis Aufgabe die Namen der neuen Gegenstände darin zu suchen. Unter ihnen befand sich an jenem Tag ein solcher, der den Namen "Lampe" erhielt und der geeignet war, einen Lichtkegel auf jedes beliebige Objekt zu werfen.

Als Ens des Abends die Lampe zurück in den Versorgungsraum tragen wollte, fiel ihr Schein auf das geheimnisvolle neue Ding, das da ungeachtet der Tatsache, dass es nicht existierte, immer noch lag.

Er stellte fest, dass es ihm nicht möglich war, das Ding wie alles sonst mit der Lampe zu beleuchten sondern dass je nach dem Winkel, unter dem er den Lichtstrahl auf das Objekt fallen ließ eine andere Partie der Wände erhellt wurde.

Ens war verunsichert von diesem Ding, das weder im Register vorhanden war, noch den dort aufgezeichneten Bestimmungen die Lampe betreffend zu unterliegen schien. Doch war er auch auf eine ihm fremde Art von dieser Eigenschaft angezogen, als läge dort am Boden der Teddybär, der einzige Gegenstand, den er jemals in seinem Leben vermisst hatte.

Er bückte sich und hob das Ding auf. Es fühlte sich kalt an. Die Oberfläche war glatt und hart.

Erneut richtete er den Schein der Lampe auf das Objekt und was er so darübergebeugt sah, erschrak ihn zutiefst.

Es war der Lehrer, oder vielmehr das, was täglich auf der Oberfläche des Lehrers erschien. Zwei Augen eine Nase, ein Mund. Entis Hände schlossen sich enger um dieses Zauberbild. Das war nicht des Lehrers Gesicht. Dieses Gesicht, und davon stand nichts im Register, schien ganz und gar zu ihm selbst zu gehören und verhielt sich, wie er es wünschte. Ens sank zu Boden, die Hände fest um dieses Wunder geschlossen. Er hatte ein Gesicht, und es blickte ihn aus diesem Rahmen heraus an. Welcher Zauber vermochte dies?

In Faszination versunken spielte Ens mit seiner Gesichtsmuskulatur. Dieses Gebilde sprach zu ihm ohne die Worte, die im Register verzeichnet waren. Ens sah nicht nur ein Gesicht, er sah sein Gesicht. Er hielt sein eigenes Selbst in Händen und hatte zum ersten Mal in seinem Leben das Gefühl, etwas über einen Eintrag im Register hinaus, mehr als ein bloßer Name in einem logischen Gefüge zu sein. Und gerade dieses wundersame Medium, das vermochte ihn sich selbst nahezustellen, sollte keinen Namen haben? Wie verhielt sich dieser Umstand zu den Worten des Lehrers bezüglich des Registers? Wie konnte der Ursprung allen Daseins, des Lehrers allmächtiges Register...

Da läutete die Mutter. Erschrocken löste sich Entis Griff. Das gläserne Wunder zersprang auf dem Boden und ihm war, als sei das Wertvollste was je in die Welt Eingang gefunden hatte, zerbrochen. Über das Gesicht, das ihm in Scherben entgegenblickte, flossen die ersten Tränen, die es je benetzt hatten.

Erst jetzt wurde er der Dunkelheit gewahr, die ihn einhüllte. Die Mutter musste bereits wiederholt geläutet haben. Es war das erste Mal, dass er die Mutter nicht gehört hatte. Die Lampe, die das wundersame Spiel ermöglicht hatte, flackerte und erlosch. Der Mutter Läuten war verstummt. Verstört und keines klaren Gedankens fähig taumelte Ens auf den Schlafraum zu. Die Scherben zerschnitten seine Füße, und als er ihn erreichte, fand er den Schlafraum verschlossen vor. Er ließ sich nicht eher öffnen, als die Lampe zurück in den Versorgungsraum gebracht war. So machte Ens kehrt, zuckte zwei weitere Male über die Splitter seiner Selbsterkenntnis bis er den Schlafraum betreten und ruhen konnte.

Ens legte sich nieder und wartete auf der Mutter morgendliches Läuten. Doch es geschah etwas anderes, unerwartetes. Ens sah Bilder, Bilder, die sich bewegten und zu ihm sprachen, auf eben jene Weise, wie es auch das zersprungene Wunder getan hatte.

Bisher hatte Ens zwischen dem Abend und dem Morgen, zwischen dem letzten und dem ersten Läuten der Mutter nur eine Art dunkle Einkerbung registriert, einen Sprung und Einschnitt zwar, jedoch keine Zeitspanne, in der sich etwas hätte ereignen können.

Doch nun sah er diese Bilder. Die Bruchstücke seiner Entdeckung setzten sich vor seinen Augen wieder zu einem Ganzen zusammen, präsentierten sich jedoch immens vergrößert. Er sah sich in seiner ganzen Gestalt inmitten eines Kreises von Lichtern, die ihn ebenso fremd wie wundersam umschwebten. Da waren Objekte, von denen keines im Register verzeichnet war, die aber so anmutig und schön in ihrer Erscheinung strahlten, dass Ens - hätte er ihren Namen gekannt - doch nicht in der Lage gewesen wäre sie auszusprechen. Er sah sich  in eine Umgebung entrückt, die jenseits seiner dreiräumigen Welt erstanden war, über die hinaus er bisher nie gewagt hatte etwas zu vermuten.

Er wandelte auf das Bildnis zu und als er es berührte, war ihm das harte, kalte Glas durch eine Oberfläche ersetzt, die jener des ruhenden Wassers glich, in das Ens sich regelmäßig zur Reinigung begab. Doch hier war es so viel reicher und tiefer. Ens versank in diesem Wasser und löste sich in die fremde Welt auf.

In diesem Augenblick läutete die Mutter. Wie scharf erschien ihm das vertrauteste aller Geräusche auf einmal. Hatte es ihn vor so vielen Jahren in die Welt der Erfahrung berufen, so zerschnitt es nun die zarteste aller Erfahrungen, die ihm je zu Teil geworden war.

An diesem Morgen schickte ihn die Mutter vor allen anderen Anweisungen zum Lehrer. Dieser vollendete die Zerstörung des Wunders, indem er sagte, das „Wunder“ sei ein "Spiegel" gewesen, ein optisches Instrument, welches geeignet sei, Lichtstrahlen umzulenken und so eine optische Reproduktion des Betrachters zu erzeugen, die jedoch nur eine Illusion sei und wie die Gesamtheit aller Dinge, ihren festen Platz in der Weltordnung habe. Seit diesem Tag war der Eintrag "Spiegel" im Register verzeichnet.

Die Mutter und der Lehrer wussten um Entis Geheimnis. So sehr die offensichtliche Allwissenheit dieser höchsten Instanzen ihn immer in seinem Glauben an sie und einem lebenserhaltenden Gefühl der Sicherheit bestärkt hatte, so sehr schmerzte ihn nun die Erkenntnis, dass diese Macht die Schönheit, die er erfahren hatte, beim ersten Zugriff vernichtete.

In diesem Augenblick gedachte Ens wieder der Bilder, die er erst nach der Zerstörung des Spiegels gesehen hatte. Er fragte den Lehrer, ob auch diese nur eine Illusion gewesen seien, woher sie kamen und warum er sie gesehen habe.

Zum ersten Mal in seinem Leben fragte er "Warum" - und zum ersten Mal erhielt er keine Antwort. Der Lehrer blieb stumm. Ens war verunsichert, wiederholte seine Frage, und als er wiederum keine Antwort erhielt, drehte er sich um und wandte sich an die Mutter. Auch sie gab keine Antwort...sie stellte ihrerseits eine Frage, welcher Beschaffenheit die Bilder seien, die Ens gesehen hatte. Nun war es Ens der angesichts einer Frage stumm blieb. Es gab keine registrierten Worte - und nur dieser war Ens mächtig -, die geeignet waren, die Bilder zu beschreiben, und erst als die Frage wiederholt wurde grenzte er sein Bewusstsein von dem der Mutter ab: Weder sie noch der Lehrer kannten die Bilder, die allein er gesehen hatte. Genau wie die drei ewigen Räume hatte auch die Allwissenheit dieser beiden Instanzen eine Grenze jenseits der sich eine Welt der Bilder erstreckte, deren Schönheit nur ihm allein zugänglich war.

In der Sprache des Registers bedeutete sie nichts und so verkümmerten seine Versuche, sie der Mutter vorzuzeichnen, bereits in ihren Ansätzen und wurden immer wieder von der Stummheit einer sich sträubenden Syntax zum Scheitern verurteilt. Die Mutter durchbrach sein Stammeln indem sie ihm gebot, er solle ihr berichten, sobald er "die Bilder" wieder sehe und ihnen nicht weiter Gelegenheit geben, seine edle Sprache zu verstümmeln.

Dies war die registrierte Konsequenz, welche die Mutter und der Lehrer aus Entis Spiegelwelt zogen, in die sie keinen Einblick hatten.

Nun, da das Ereignis viele Tage zurücklag, schien nichts davon geblieben, als der Mutter verblassende Frage nach den Bildern. Die Scherben waren bereits nach seinem Erwachen verschwunden gewesen. Die blutigen Fußabdrücke, die Ens hinterlassen hatte, zersetzten sich auf den kalten Fliesen zu einem Staub, den er nach einigen Tagen mit einem gewissen Gefühl der Resignation hinfortkehrte. Die Wunden an seinen Füßen hatten ihm noch einige Tage Beschwerden bereitet, waren jedoch mittlerweile zu kaum sichtbaren Narben verblasst.

Andere Wunden hingegen waren geblieben. Die Unantastbarkeit des Registers war verletzt worden und seit Entis Vorstellungskraft in jener Nacht über die natürlichen Grenzen der drei ewigen Räume hinausgedrungen war fühlte er sich auf eine ihm fremde Weise beobachtet und eingeschlossen.

Die Bilder, die zu beweisen schienen, es könne jenseits der drei ewigen Räume noch weitere Orte geben, ließen die Welt um ihn herum in bedrohlicher Weise begrenzt erscheinen.

Ens drückte sich durch diese Begrenztheit. In den Händen hielt er das Pentaichtyotom, den kleistogamen Phytolith und das kubische Xylosom, Namen die nichts von der Schönheit seiner geheimen Erfahrung auszudrücken vermochten. Er war auf dem Weg, die Gegenstände zurück in den Versorgungsraum zu tragen, als von seiner Linken her ein schwacher Lichtschein zu ihm drang. Er kam von der freien Wand des Korridors her, vor der auch der Spiegel gelegen hatte. Die Wand strahlte ein schwaches Licht aus. Ens entledigte sich der lästigen drei Gegenstände, die er trug und näherte sich ihr. Er betastete sie. Sie erschien ihm auffällig kalt. Er löste seine Hand von dem Untergrund, und blau erstrahlte eine Fläche mit den Umrissen seiner Hand. Als er diese besah, fand er seine Handfläche mit der weißen Farbe der Wand überzogen. Es war nur eine dünne Schicht über dem gewesen, was zu entdecken er im Begriff war. Doch ängstigte es ihn und anstatt weitere Teile der Wand freizulegen, schlich er zurück in den Interaktionsraum um der Mutter und dem Lehrer von dem Wunder zu berichten, das da im Korridor erstrahlte. Doch erhielt er keine befriedigende Antwort. Im Korridor könne es nichts geben, da er dafür nicht bestimmt sei. Er sei lediglich ein inhaltsloser Bereich zwischen den Räumen. Ens solle ihn lediglich dazu nutzen, die drei Gegenstände in den Versorgungsraum zurückzuschaffen. Wie im Fall des Teddybären und des Spiegels entschwand auch diesmal das Licht, doch Ens gelangte ohne zu stürzen in den Korridor, da aus ihm immer noch das geheimnisvolle blaue Licht drang.

Im Kontrast zur umgebenden Dunkelheit erstrahlte die Handfläche nun in geradezu gleißendem Licht an der Wand. Es war der einzige Punkt, an dem Ens sich nun noch orientieren konnte. Zwar machte er noch den Versuch, die Gegenstände aufzuheben, doch die leuchtende Hand lenkte seinen Blick unwiderstehlich auf sich. Ens machte sich daran, die verbleibenden Teile der Wand freizulegen, bis sie in ihrer Gesamtheit in dem blauen Licht erstrahlte. Sie hatte eine eigenartige, zart gewellte Oberfläche, die unaussprechlich kalt war. Er kannte diesen Stoff, es war Eis, gefrorenes Wasser. Es hätte transparent und farblos sein müssen, warum strahlte es so? Wieder die Frage "Warum", auf welche die Mutter und der Lehrer nie eine Antwort gewusst hatten.

Erst jetzt gewahrte er, dass sich das Farbspektrum dieses Scheins keineswegs auf die blaue Farbe beschränkte. Die verschiedensten Lichtquellen versprachen sich in oder hinter dieser Wand zu befinden. Ens fand mit dem größten Erstaunen, dass er die verzerrten Projektionen der Dinge sah, welche ihm erstmals die Bilder gezeigt hatten, die er nach des Spiegels Zerstörung gesehen hatte. Mit Ehrfurcht blickte Ens auf diesen Zauberspiegel. Ein Spiegel musste es sein, denn über dem Farbenspiel lag schwach schimmernd sein eigenes Antlitz, welches ihn mit seinen eigenen großen Augen anstarrte. Ens starrte zurück. Da war es wieder, sein Gesicht, seine Hände, seine ganze Gestalt erblickte er vor sich. Die Augen stets auf die seines Ebenbildes gerichtet, entledigte er sich seiner Kleider, warf sie zu Boden und sah sich in seiner nackten Gestalt in diesen Farben stehen. Ens und sein Ebenbild taten einige Schritte aufeinander zu. Sie spürten ihre Hitze und Kälte einander in die Augen blicken wie sie selbst. Dann neigten sich beide aufeinander zu. In einem Kuss verschlangen sich heiße und kalte Lippen, schweißten  sich Hände und Oberschenkel aufeinander. Ens und sein Ebenbild wurden eins, als sie sich in die fremde Welt auflösten.