Texte

Das einzige Prosastück, das ich bisher vollendet habe: Der Spiegel

Eine kleine Auswahl meiner jüngeren Gedichte:

71. Kind in der Nacht

Wenn sich schwarze Schwingen breiten
Auf das grell gescheuchte Land,
Und des Mondes Strahlen gleiten
Über lang vergess'ne Seiten
In des Lebens Foliant,

Wenn in fernen, tiefen Träumen
Eine klare Kraft erwacht,
Und in alten, schweren Bäumen,
Welche Leidenswege säumen,
Eulen rufen in die Nacht,

Wie leicht strömt da mein träger Geist
Zurück in die verlass'ne Wildnis,
Wo fernab allen Scheins verwaist
Mein Herz an die Gestade reist,
Die jeder Seele reinstes Bildnis.

16. Februar 2004

72.Kind vor der Kälte

Winters, wenn der weiße Glitter
Glänzend auf die Bäume fällt
Oder Hagel, Eis, Gewitter
Reißen gleißend scharfe Splitter
Aus der windgepeitschten Welt,

Winters, wenn die Flocken treiben
Über Lande, Menschen, Tier
Und die Kindsgesichter bleiben
Eisverglaster Fensterscheiben
Letzte, still verwandte Zier,

Wer stünd' da nicht voll Sehnsucht vor
Den Kammern dieser leisen Weisen?
Wer wollte da sein greises Ohr
Verschließen eh' verzückt erfror,
Was schickte uns auf Winters Reisen?

23.Februar 2004

78.Sonntagnachmittagsgedicht

Das Glück hat seine letzte Chance verspielt -
- die Finger würfeln nur noch gegen Gicht,
Und ein Auge, müdgefunkelt, schielt
auf Lippen, schamlos, und es bricht
in Tränen ein, die nicht die seinen sind.

Das Echo lauscht dem eig'nen runden Klang-
- es blinzelt selten heut' nur an ein Ohr.
Ein feuchter Mund streut Märchenstaub entlang
Der Woche Kurven, noch bevor
er spüren kann, dass es die seinen sind.

- - - - -

Brich diesen Spiegel - dein Kopf ist aus Glas!
Mag nicht an sich er zerspringen und endlich
einsehen Bilder, die längst er vergaß,
doch Wesen und Welten und Meere erkenntlich
machten, - und eigene kindliche Weisen verständlich.

6. Januar 2005 (begonnen am 12 Dezember '04)

79. Auf einen Pionierflug

Es hebt von Grund auf über Land
in tiefe Träume sich - verlierend? -
ein Ungestüm, von Menschenhand
erdacht, und gegen Grenzen gierend

reißt es sich aus schweren Ranken
in die Lüfte, aus dem harten
Kriechen in die freien, zarten
Weiten einer blauen, blanken
Zukunft fliegend sich entgegen.

21. Januar 2005
(entstanden während der ersten
Sitzung des Kreativen Schreibens)

80.ESdichtER

ES

An den Wurzeln, festen Krallen,
Rüttelt radikal ein Beben,
das dem aufgeschossen Streben
teilhaft wird, bis Blätter fallen.

ER

Stellt Wort um Satz - ein Geisterregen,
Der auf gefall'ne Blätter fließt,
Ein Alb von Verb, der sich entlegen
Das Sein in neue Formen gießt.

ich

Es denkt sich nichts,
Was ihn zu sagen reute.
dichter wünsch ich nur zu sein.
ich bin nicht, ich bedeute.

4. März 2005

62.Die Eule

Ich träumt' von einer Nachtigall
Von ihrer Stimme, engelsgleich
Welch voller Klang, welch lieblich Schall
Entführt' sie in mein dunkles Reich.

So willig war sie, sanft und sacht
Ließ sich so leise auf mir nieder
Wie ich wars ein Geschöpf der Nacht
Sie schwieg für mich die schönsten Lieder

Ich schritt die Stufen fort hinab,
Auf meiner Schulter, da saß sie,
In mein Gewölbe, ewig Grab,
Wo sie nun singen sollt wie nie...

Umhüllt von Dunkelheit und Moder
Hört' ich das wohl bekannt Geheule
Ich sprach zu meiner Flamme: "Loder!"-
da saß statt einer Nachtigall die Eule.

"Ach, Eule, alte Eule du,
Was reißt du mich aus meinem Traum?
Es war doch immer dein Schuhuu,
Das trug mich an des Himmels Saum."

4. März 2003

64. Der Nachtigall Tod

Kalt und einsam war die Nacht
als ich nach langen Wegen
Am Meere unbegrenzter Macht
mich hingab jenem Geistersegen
der über diesen Wassern wacht.

Der Mond, mein ach so treu Begleiter,
sandt' seinen Strahl zu mir hinab
Licht gewährend sprach er weiter:
"dies Gewässer ward ihr Grab!"

Ich wagte nicht sie anzusehen
die dort an diesen Ufern trieb
ein einz'ges Mal den Augen widerstehen
von denen mir nur Kälte blieb

Da hob von meiner Schulter sich
die Eule, meine gute Eule.
nach außen hin schwieg weiter ich,
mein Herz doch hörte mein Geheule,
und spürte hart der Krallen Stich
der Eule, wie sie nach und nach
der Toten aus die Augen stach.

Ich wandt' mich ab,doch sie verblieb
sie riss, sie zerrte und sie trieb
ihr Spiel mit meinem Herzen wie der Toten
und drückte sanft in meine Hand die roten,
blutig triefend Augen meiner Nachtigall
die starrten klar mir in die meinen,
als wollten sie ein letztes Mal
als meine Nachtigall erscheinen.

18. Juli 2003

66. Herbstregen

Der Wind, er dreht,
was sich nicht drehen will
die Zeit vergeht,
die Welt steht still,
geht nicht mehr fort,
zur noch in sich,
am gleichen Ort,
und unveränderlich

Und durch die Stille geht ein Klagen,
ward nie gehört als noch die Wiesen blühten
nach Zeit und Welt wollte es fragen
als noch der Sonne Strahlen glühten

Doch Antwort auf die leisen Fragen
gibt nur ein Tropfen auf der Erde
im Himmel Bild, doch ewig fern
so nah nur eine Himmelsscherbe

7. Oktober 2003

69a Für die Empathie

Wie selten sind mir doch die Nächte
in denen Feuer wird zu Licht
wenn Wärme bringt, was Krieg uns brächte,
wär'n wir zu sehen fähig nicht.

Und wenn die Fackel der Gewalt
entzündet Herzen statt der Dächer
und wenn die Hand, zur Faust geballt
sacht klopft an uns'rer Angst Gemächer

Dann will ich in den Morgen treten
und durch die hellen Fluren laufen
mit Nektar Friedenskinder taufen
die Früchte essen, die wir säten

31. März 2004